Leseprobe

Der Totenkopf in der Suppenschüssel

Noch eine heitere Kriminalgeschichte

In meiner Suppenschüssel liegt ein Totenkopf. Ja, sie haben richtig gelesen: Ein Totenkopf. Wieso in meiner Suppenschüssel ein Totenkopf liegt? Keine Ahnung. Ich hebe den Deckel an und da liegt er. Erdfarben und den Duft von feuchtem Waldboden verbreitend.

Die Suppenschüssel habe ich von meiner Großmutter geerbt. Es ist so eine weiße mit Blümchen, Schnörkel und einem eleganten Fuß. Sie passt nicht zu meinem zusammengestückelten Service aus Supermarkt- und Ikeabeständen und ich benutze sie auch nur ganz selten, doch ich kann mich nicht von ihr trennen. Meistens hole ich sie aus dem Schrank, um darin eine Bowle anzusetzen.

„Natürlich ist kein Schnaps drin, Mama“, hatte ich meine Mutter an meiner letzten Geburtstagsfeier beruhigt, doch sie fand am nächsten Morgen die leere Obstlerflasche in meinem Mülleimer.

„Aha, also doch.“, sagte sie nur. Ihrer Stimme war anzumerken, dass sie sich amüsierte. Sie hatte am Abend vorher dem weinhaltigen Getränk (mit einer Flasche Obstler verfeinert) mit großem Appetit und wenig Zurückhaltung zugesprochen, was man ihr auch ansah. Das Gesicht war aschfahl und ihre, wenn auch wenigen Falten, deutlich sichtbar.

Suppe habe ich in der Suppenschüssel auch schon serviert. Aber nur einmal, als mein Kumpel Fred bei mir gegessen hatte. Er gab mir anschließend den Rat, mich an Dosensuppe zu halten, die hätte wenigstens nicht den Geschmack, als wäre sie mit Wasser aus dem Toten Meer gekocht. Nun gut, die Suppe war leicht versalzen, aber schließlich war ich auch schwer verliebt damals. In Gudrun.

„Och, ist die süß! Und die vielen kleinen Blümchen! Meine Oma hat auch so eine. Die gehört zu ihrem guten Service.“, war sie in Verzückung geraten, als meine Suppenschüssel und sie sich kennenlernten. Sie hatte ihre Lippen allerliebst gekräuselt. Ein Kräuseln, das ich im Laufe unserer dreimonatigen Beziehung zu hassen lernte. Gepaart mit „Mausischatz“ wurde es irgendwann zum reinsten Erotikkiller und führte letztendlich dazu, dass ich mit Salz wesentlich sparsamer umging.

Und nun starre ich auf meine Suppenschüssel. Ich weiß sofort, dass das, was sich unter dem Deckel verbirgt, ein Totenkopf ist. Obwohl ich ihn aus meiner Position als solches gar nicht hätte erkennen können. Aber das kennen Sie sicher. Ein kleines Detail reicht und Sie wissen sofort, um was es geht.  

Ich spüre, wie die Hitze in meinen Kopf steigt. Zeitgleich fangen meine Hände an zu zittern. Mit der Spitze meines Zeigefingers berühre ich leicht die Schädeldecke und ziehe ihn schnell wieder zurück. Und noch einmal. Dieses Mal streiche ich schon etwas mutiger über die Rundung, bis mein Finger plötzlich ins Leere rutscht. Die Augenhöhle. Igitt! Pfeilschnell ziehe ich meine Hand zurück und haue mir dabei fast an die Nase. Ich greife hastig nach dem geblümten Porzellandeckel. Nach zwei vergeblichn Versuchen gelingt es mir endlich, ihn auf der Schüssel zu plazieren.

Und jetzt?

Es ist mein erster Totenkopf und ich bin mir nicht schlüssig, wie man sich in so einem Fall verhält.

Von draußen dringt das Lachen spielender Kinder zu mir herein und holt mich aus meinen Gedanken. Sie scheinen sich köstlich zu amüsieren. Na gut, schaue ich eben neugierig aus dem Fenster und verschaffe mir so etwas Zeit.

Zwei Jungs, ungefähr 10 Jahre alt, zeigen im selben Moment auf mich. Sie haben mich hinter der Fensterscheibe entdeckt. Völlig synchron, als tanzen sie Ballett, legen beide gleichzeitig die Hand vor den Mund und wenden sich kichernd ab. Wissen die beiden etwa von dem Schädel? Zeit genug hätten sie vorhin gehabt, als ich die Milch aus meinem getunten Mini auslud. Die Haustür hatte ich nur angelehnt. 

Mein Telefon klingelt und ich werde aus meinen Gedanken gerissen.

„Klaus Kronberg hier, wer dort?

„Hallo Klaus, hast du schon ausgeschlafen?“, ruft Susi fröhlich in mein Ohr.

Susi Warnow arbeitet als Chefsekretärin beim „Berliner Morgenblatt“. Wir sind seit zwei Jahren ein Paar. Zumindest schlafen wir miteinander. Sie hält es aber nie länger als ein paar Tage bei mir aus. Sie meint, sie sei für eine Lebensgemeinschaft nicht geschaffen. Ich bin da ganz anderer Meinung. Ich liebe sie. Doch ich versuche sie nicht zu überreden, bei mir einzuziehen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird sie es mich wissen lassen. Davon bin ich überzeugt.

„Hm.“ Mehr bringe ich nicht heraus

„Klaus? Ist was passiert?“, fragt sie mich besorgt.

„Wie man’s nimmt. Kann sein, kann nicht sein.“, gebe ich nachdenklich zurück.

„Was heißt das genau, Klaus?“. Susis Stimme klingt leicht ungeduldig. „Wie muss ich mir das vorstellen: kann sein, kann nicht sein?“

„Es kommt darauf an, ob der Totenkopf in meiner Suppenschüssel ein Scherzartikel ist und ob es Modergeruch zu kaufen gibt.“

„Klaus, bist du betrunken?“ Ihre Ungeduld geht langsam in Ärger über.

„Nein, ich bin völlig nüchtern und an Halluzinationen leide ich auch nicht. Obwohl ... Warte kurz, ich laufe mit dir zum Fundort.“ Mit dem Hörer am Ohr hebe ich mit der freien Hand den Deckel der Terrine ab. Der Schädel liegt noch immer in dem Porzellangefäß. „Nein, ich leide auch nicht an Halluzinationen.“

„Ich bin in fünf Minuten da!“ Ich höre ein Knacken und die Verbindung zu Susi ist abgebrochen.

 

Caro Berg (c) 2010

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