Die Würde des Menschen ...

Die Würde des Menschen

Eine Reportage von Caro Berg

„Mensch, der stinkt vielleicht nach Scheiße!“ Der Rentner hält sich angewidert die Nase zu und schaut vorwurfsvoll auf die Kassiererin. Sie sieht auch nicht gerade glücklich aus, als sie den kräftigen, fast zwei Meter großen schwarz gekleideten Mann abkassiert. Seine verfilzten Haare reichen ihm bis an die Schultern und der graue ungepflegter Bart bis zur Brust. Seine schmutzigen Hände zittern heftig, als er das Kleingeld auf das Rollband zählt. Eine Flasche Korn, ein Päckchen Zigaretten und ein kleines Brot landen in den Taschen seiner speckigen Jacke. Ich hatte die kleine Szene beobachtet und erwarte „Jesus“ am Ausgang. Wir sind verabredet. Er will mich zu seinem Container mitnehmen, den ihm die Stadt zur Verfügung gestellt hat. Gerd Schäfer, wegen seines Aussehens „Jesus“ genannt, ist einer von geschätzten 2,5 Millionen alkoholabhängigen Menschen in Deutschland. Als junger Mann, gerade kurz vor seinem Abitur stehend, fand er seinen Vater erhängt in der Wohnung. Diesen Anblick und den Verlust seiner einzigen Bezugsperson hatte er nie verwunden. Er verließ das Gymnasium und betäubte seinen Schmerz zunächst mit Wein und Bier, dann mit billigem Fusel und Rasierwasser. Er verlor seine Wohnung und später seine Würde. Bei dem Fußmarsch von knapp drei Kilometern bis an den Stadtrand reden wir kein Wort. Er reagiert nicht auf meine Unterhaltungsersuche und scheint mich gar nicht zu bemerken. „Hier“, sagt er nur, als wir ankommen und öffnet die Tür zu seiner Unterkunft. Es ist dunkel im Container. Ich sehe nichts. Aber ich rieche alles. Die verschimmelten Lebensmittel, den Urin, und den Moder. Anstatt den Rollladen hoch zu ziehen, schaltet er die Neonröhre an der Decke ein. Bis zu den Waden stehen wir zwischen gefüllten Plastikbeuteln, Klamotten, Müll und Exkrementen. Überall liegen leere Flaschen verteilt. Die Matratze seines Bettes ist schwarz. Nur am Rand ist noch die ursprüngliche Farbe zu erkennen. Hier war von menschlicher Würde nichts zu spüren. Der Alkohol hatte ganze Arbeit geleistet. Plötzlich Motorengeräusche. Gerd Schäfer gibt mir einen leichten Schubs und ich stolpere rückwärts ins Freie. Er schließt die Tür. Ein Mann in Jeans und T-Shirt tritt mit zwei Uniformierten vor den Container. „Cordes vom Ordnungsamt“, stellt er sich vor. Ich gebe mich als Reporterin der Überregionalen Zeitung zu erkennen. „Herr Schäfer, öffnen Sie die Tür, Sie wissen doch, dass Sie heute umziehen müssen!“ Von innen kommt nur leises brummeln. „Herr Schäfer, ihr Container muss entsorgt werden.“ Keine Reaktion. Der Ordnungsbeamte schließt die Türe auf. Jesus’ Blick fällt entmutigt auf die beiden Polizisten. „Ich muss noch packen“, und er beginnt seine Habseligkeiten in den blauen Müllsack zu füllen, den ihm Herr Cordes gereicht hatte. Auf meine Frage, was nun geschieht, teilt mir der Ordnungsbeamte mit, dass Herr Schäfer sich ab heute eine Obdachlosenunterkunft mit drei weiteren Personen teilen wird. Sein Container - übrigens sein dritter - sei durchgefault, weil er die Sanitäranlagen nicht nutze. „Unser Sorgenkind“, seine Stimme klang fast liebevoll, „lässt sich leider Gottes nicht helfen. Und nach Ansicht des Richters hat jeder Bürger ein Recht auf Verwahrlosung!“ Ich sehe ihn ungläubig an aber er zuckt nur resigniert die Schultern. Niemand ist bereit, den stinkenden Mann im Auto mitzunehmen. Gerd "Jesus" Schäfer steigt auf die Pritsche des Wagens des städtischen Bauhofes. Nach kurzem Zögern folge ich ihm. Er sagt kein Wort. Der Bart verdeckt sein Gesicht. Wir stoppen 50 m von einem frei stehenden Haus entfernt. Der Arbeiter im Blaumann steigt aus und öffnet die Klappe. „Den Rest lauft ihr zu Fuß, es ist sonst zu entwürdigend für ihn, wenn die anderen ihn so sehen.“ Ich bin über so viel Feingefühl erstaunt. Die drei neugierigen Gesichter hinter dem Fenster sieht Jesus nicht. Als er das Zimmer betritt, steuert er auf das einzige frisch bezogene Bett zu, lässt sich langsam darauf nieder und sagt plötzlich: “Hier bleib ich nicht, ich will eine eigene Wohnung“, legt sich hin und dreht uns den Rücken zu. Als ich ihn ein halbes Jahr später besuchen will, erfahre ich, dass er sich auf Initiative eines vom Amtsgericht bestellten Betreuers in der Psychiatrie befindet. Ich hoffe, dass er nicht zu den ca. 73.000 Toten gehören wird, die jährlich am Alkoholkonsum sterben, sondern zu den 3 % aller Alkoholabhängigen, die es in eine Langzeittherapie schaffen…!

Akute Alkohol-Intoxikation (Rausch)
Die Verträglichkeit von Alkohol und seine Auswirkungen haben je nach Toleranzlage ein sehr breites individuelles Spektrum. Bei einer Blutalkohol-Konzentration von etwa 3 Promillen zeigen die meisten Menschen das Bild einer schweren Alkoholvergiftung (nach verhaltensdeutlichen Koordinations- und Artikulationsstörungen kommt es zur Beeinträchtigung der Bewusstseinslage, und zwar von ausgeprägter Schläfrigkeit bis hin zum Koma). Ab 5 Promille ist in der Regel mit einem tödlichen Ausgang zu rechnen.

Erklärungsversuche

Mit dem Beginn des Kontrollverlustes beginnt der Kranke, sein Trinkverhalten zu erklären. Er produziert die bekannten "Alkoholausreden". Er findet Erklärungen dafür, dass er seine Kontrolle nicht verloren hat, sondern vielmehr ein guter Grund zum Trinken vorhanden ist und er durchaus in der Lage ist, den Alkohol wie jeder andere zu genießen. Die Erklärungen geben ihm die Gelegenheit, weiter zu trinken. Das ist für ihn von großer Wichtigkeit, denn er kennt keine andere Möglichkeit zur Lösung seiner Probleme.

Übergrosse Selbstsicherheit

Trotz aller Erklärungen kommt es zu einem Verlust des Selbstwertgefühls. Das wird kompensiert durch die "übergrosse Selbstsicherheit nach aussen", die der Kranke an den Tag legt. Extravagante Verschwendung und grossspurige Reden überzeugen ihn selbst, dass er nicht so schlecht ist, wie er manchmal gedacht hat.

Interessenverlust, Selbstmitleid

Alle Gedanken konzentrieren sich auf den Alkohol. Der Kranke richtet den Tagesablauf darauf aus, wie Tätigkeiten sein Trinken stören könnten, nicht wie sein Trinken die Arbeit beeinflusst. Äussere Interessen gehen verloren und es entwickelt sich ein "auffallendes Selbstmitleid".

Änderungen im Familienleben

Ehepartner und Kinder, die den Trinkenden oft immer noch "decken" (Co-Alkoholismus), ziehen sich aus Angst aus dem gesellschaftlichen Leben zurück oder entwickeln im Gegenteil ausgiebige Aktivitäten, um aus dem häuslichen Umfeld zu entkommen.

Sichern des Alkoholvorrates

Der Süchtige versucht, sich einen ständigen Vorrat an Alkohol zu sichern. Das Fehlen von "Stoff" veranlasst abenteuerliche Beschaffungsversuche. Er legt Verstecke an unmöglichen Orten an (leerer Aktenordner, Werkzeugkiste, Blumenbeete, WC-Spülkasten).

Abnahme des Sexualtriebes

Eine von vielen organischen Auswirkungen ist der Verlust des Sexualtriebes. Dadurch entsteht Feindschaft gegen den (Ehe)Partner, bei dem als Erklärung ausserhelicher Verkehr vermutet wird: "alkoholische Eifersucht".

Krankenhauseinweisungen

Es folgen die ersten Einweisungen in ein Krankenhaus wegen irgendwelchen alkoholbedingten Beschwerden (tiefe Depression, Bewusstlosigkeit, eruptive Gastritis u.a.m.).

Die Informationen über Alkoholismus sind nicht von mir, die habe ich aus dem Internet. Die Reportage selbst ist mein Werk - Caro Berg

Caro Berg (c) 2010

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